Das Thema um die Gewalt unter Jugendlichen geht immer weiter und es erscheinen viele Berichte und Statistiken.
Mir geht es wie auch schon im ersten Post zu diesem Thema am meisten um die Ursachen. Hier könnt ihr euch ein kleines, wie ich finde sehr gut beobachtetes, Statement angucken:
Atmosphäre der Intoleranz
Die Zeit hat 8 Antworten zu den Ursachen krimineller Karrieren gegeben, die ich Auszugsweise hier veröffentlichen möchte:
Ist Gewalt ein Teil der jugendlichen Entwicklung?
Ja, sehr häufig, vor allem bei jungen Männern. Dabei geht es meist darum, bewusst Normen der Erwachsenen zu brechen, sich abzugrenzen, zu emanzipieren; aber auch darum, erwachsenes Verhalten zu antizipieren.
Umfragen zeigen, dass 90 Prozent aller männlichen Jugendlichen mindestens eine Straftat begangen haben. Die Phase beginnt im Alter von zehn bis vierzehn Jahren, erreicht den Höhepunkt bei 17- bis 18-Jährigen und nimmt ab 20 wieder ab. Allerdings kann sie länger dauern, zum Beispiel wenn die Betroffenen kein festes soziales Umfeld und keine Perspektive haben wie einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz, und/oder wenn sie viel trinken.
War das schon immer so?
Ja, aber früher war einerseits die Brutalität geringer, andererseits wurde ein größerer Teil dieses Verhaltens als jugendtypisch akzeptiert als heute. Sogenannte Dunkelfeldstudien belegen, dass die Toleranz solchen Verhaltens von Eltern, Erziehern und Beobachtern geringer geworden ist und diese entsprechende Taten schneller anzeigen als früher.
Gibt es noch andere Formen jugendlicher Gewalt?
Es gibt noch einen zweiten Typus, man könnte ihn Frühstarter nennen. Die Betroffenen fallen schon im Kindergarten und in der Grundschule auf, weil sie aggressiver als ihre Altersgenossen sind, schlagen, beißen oder schubsen. Eine Ursache dafür sind Defizite, beispielsweise in der Sprachentwicklung oder auch in der Reifung des Gehirns. Diese können dazu führen, dass sich die Kinder als Außenseiter erleben und viele Situationen als bedrohlich empfinden und aggressiv darauf reagieren.
Werden Kinder, die von ihren Eltern geschlagen werden, selbst zu Schlägern?
Die Gefahr ist groß. Dabei zählt nicht nur, ob die Kinder selbst Prügel bekommen, sondern auch, ob sie sehen, dass die Eltern ihre Konflikte auf diese Art austragen. Sie lernen auch beim zuschauen, modellhaft Probleme ebenso gewaltsam zu lösen und entwickeln dadurch eine höhere Akzeptanz für Gewalt.
Gibt es Erziehungsstile, die Gewalt fördern?
Leider. In der Wissenschaft heißt diese Erziehung „inkonsistent“, das meint: ohne klare Normen. Heute darf das Kind fernsehen, morgen nicht, übermorgen bekommt es sogar Prügel, wenn es fernsehen will. Für Kinder ist nicht erkennbar, was richtig und was falsch ist, da die Eltern jedes Mal anders reagieren.
Wer keine Normen verinnerlicht, kann sie bei anderen Menschen nicht erkennen und das Verhalten anderer nicht vorausahnen und „sozial korrekt“ reagieren.
Fördern gesellschaftliche Entwicklungen die Gewalt?
Die zunehmende Individualisierung und Vereinzelung wird dafür verantwortlich gemacht. Je größer Menschen die Bedeutung des Einzelnen einschätzen und je geringer die der Gemeinschaft, desto schwächer werden die Bindungen und Beziehungen untereinander. Die aber sind es, die uns „halten“. Dabei ist es besonders wichtig, dass wir als Säuglinge und Kleinkinder sichere Bindungen erleben und Bezugspersonen haben.
Spielt es eine Rolle, aus welchem Kulturkreis die Täter kommen?
Ja, aber in sehr viel geringerem Ausmaß, als Roland Koch und andere Unions-Politiker glauben machen wollen.
Es gibt Unterschiede, die auf den ersten Blick auffällig erscheinen, beispielsweise zwischen türkischen und deutschen Familien. Allerdings ist ein anderer Faktor sehr viel wichtiger, nämlich die Bildung und die soziale Stellung. Werden die berücksichtigt, bleiben von den Unterschieden nur zwei Punkte übrig: türkische Eltern fordern sehr viel mehr sichtbare Disziplin und Respekt von ihren Kindern als deutsche, und sie erziehen inkonsistenter. Ersteres entspringt ihrem kulturellen Hintergrund, das zweite ihren Erfahrungen als Migranten. Wer selbst Mühe hat, sein Leben zwischen den Normen des Herkunftslandes und denen der neuen Heimat zu finden, kann diese auch nur mühsam an seine Kinder weitergeben.
Welche Rolle spielt die Bildung?
Eine enorme. In bildungsfernen Schichten ist Gewalt sehr viel verbreiteter, egal aus welchem Kulturkreis die Menschen kommen. Vor allem der Bildungsgrad der Mutter hat einen großen Einfluss auf die Entwicklung der Kinder.
Das deutsche Bildungssystem begünstigt vor allem die, die schon gebildet sind und die Geld haben.
Fazit
Es gibt noch sehr viel mehr Faktoren, die Einfluss darauf haben, ob jemand schon früh zum Gewalttäter und Kriminellen wird. Beispielsweise die Freunde, mit denen er seine Zeit verbringt. Aber auch die Struktur des Stadtteils, in dem jemand lebt, beeinflusst ihn in seinem Verhalten. All diese Fakten sprechen dafür, dass es mehr braucht als neue Gefängnisse und Boxcamps, um mit dem Problem Jugendkriminalität umzugehen. Ausgrenzung und Abschiebung lösen es nicht, sie kaschieren es nur.