In dem aktuellen Newsletter der Initiative für werteorientierte Jugendforschung des Instituts für Ethik Werte, geht es um das Thema: “Gewalt bei Jugendlichen – Hintergründe, Verständnishilfen und Lösungsansätze”.

In dem Artikel werden drei Typen von Gewalt beschrieben

1. Gewalt als scheinbares Herrwerden über eine frustrierende Situation.

In diesen Situationen geht der Gewalt eine frustrierende Situation voraus. Frust entsteht dann, wenn man über eine längere Zeit ein Ziel verfolgt wird, aber immer wieder an seiner Verwirklichung scheitert.
Jeder kennt das hier. Wenn der mp3-Player zum zehnten Mal hintereinander abstürzt, würde man das Gerät am liebsten gegen die Wand werfen. Bei diesem Ausraster würde man auch ein durchaus beruhigendes Gefühl haben, auch wenn der mp3-Player dann wahrscheinlich nie wieder funktionieren wird.

Die wohl bedeutendste Quelle der Frustration im zwischenmenschlichen Bereich ist die Missachtung. Hier wird sozusagen das eigene Selbstbild permanent frustriert, indem die anderen einen nicht in der Art und Weise achten, wie man das natürlicherweise erwartet.
Bei Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten besteht die Missachtung und Ausgrenzung ebenfalls im Vordergrund:Eltern, die ihre Kinder schlagen und nur instabile Bindungen pflegen. Eine Gesellschaft, die ihnen argwöhnisch gegenübersteht, schon allein deswegen, weil sie aus einer bestimmten Gegend kommen. Ein Schulsystem, das einerseits überfordert und andererseits das, was die Jugendlichen tatsächlich können, nicht zu schätzen weiß. Dazu der tägliche Konkurrenzkampf mit den anderen Jugendlichen im Viertel. Armut in Deutschland ist nicht primär eine Zahl auf dem Konto, sondern zu allererst die permanente Erfahrung von Ausgrenzung und Missachtung. Das frustriert verständlicherweise berechtigte Ansprüche auf Achtung und Anerkennung.

2. Gewalt als Massen- und Gruppenphänomen

Jeder kennt das erhebende Gefühl Teil einer eingeschworenen Truppe zu sein. In solchen Momenten erahnt man etwas davon, wie schwer es sein kann, sich der Macht der Masse oder Gruppe zu widersetzen. Wer mit ihr verschmilzt, erfährt eine ungeheure Entlastung von dem stetigen Druck unserer modernen Lebenswelt, ›Ich‹ sagen zu müssen. Für den, der in der Gruppe aufgeht, gibt es kein ›Ich‹ mehr, sondern nur noch ein ›Wir‹; keine selbst verantworteten Entscheidungen, sondern nur noch das Heil des Kollektivs.

Gruppen funktionieren oft durch unterschwellige Hierarchien. Die Hierarchien stehen nicht ein für alle mal fest, sondern müssen immer wieder neu bewährt und verteidigt werden. Das gilt umso mehr für eine führende Position in einer Gruppe. Wie geschieht das? Seine führende Position in einer Gruppe kann man besonders dadurch beweisen und festigen, dass man die Gruppe ›zu etwas bewegen‹ kann, dass man sie formen, ihr ein Ziel geben kann. Man muss seine Macht über die Gruppe ausüben und da-mit unter Beweis stellen, um seine Macht über die Gruppe zu festigen. Das gilt auch für die harmlose christliche Jugendgruppe und darum zeigen sich auch hier Machtkonflikte zumeist in kleinen und großen Richtungskämpfen. Wer es schafft, die Gruppe zu bewegen und hinter sich zu vereinen, der hat gewonnen und seine Macht gesichert.

Jede Gewalttat hat ihre eigene Vorgeschichte und ihre eigene Motivlage. Aber aus Interviews mit Intensivtätern wissen wir, dass in extremeren Fällen der eigentlichen Moment des Gewaltausbruchs fast durchgängig als eine Art von Rausch, als totale Entgrenzung erlebt wird. Dieser Rausch scheint besonders von dem Gefühl grenzenloser Macht auszugehen. Es entsteht an dem Bewusstsein, den wehrlosen Körper des Anderen vollständig zerstören zu können.

3. Gewalt als Mittel zur Stabilisierung einer Ordnung

Der wichtigste Unterschied dieses Typs von Gewalt zu den beiden vorherigen besteht darin, dass der Grundsatz, dass die Täter die Folgen ihrer Taten nicht hinreichend abschätzen können, hier gerade nicht gilt. Im Gegenteil haben wir es dabei mit einer äußerst kalkulierten Form von Gewalt zu tun. Zumeist wird dabei sogar die Gewalt auf irgendeine Art gerechtfertigt.

Ein in den Medien breit aufgegriffenes Phänomen dieser Art von Gewalt ist der so genannte ›Ehrenmord‹: Die Tochter, die aus der moralisch-kulturellen Ordnung der Familie ausbricht, die durch alle Überzeugungsversuche nicht gehalten werden kann, selbst nicht durch das zeitweise Verstoßen und die dann schließlich durch Gewalt daran gehindert wird, die gemeinsame Ordnung weiter ins Wanken oder gar zum Einsturz zu bringen.

Wer eine bestimmte Ordnung etablieren will – sei dies nun in der Familie, der kulturellen Minderheit, dem Stadtteil etc. – der tut gut daran, die Dramaturgie der Abschreckung zu beherrschen. Es geht darum, ›Zeichen zu setzen‹ und dadurch ›erst gar nichts aufkommen zu lassen‹. Sozialarbeiter werden das Phänomen kennen: Wer als ›Neuer‹ in so eine Ordnung eindringt, muss sich auf einiges gefasst machen. Dem Eindringling muss nämlich als erstes einmal deutlich gezeigt werden, wer hier ›der Chef im Ring‹ ist.

Die Notwendige Bedingung von Gewalt: Entmenschlichung des Opfers

Die notwendige Voraussetzung jeder Gewalttat: Die Entmenschlichung des Opfers.
Ein recht harmloses Beispiel mag man aus dem Straßenverkehr kennen. Wer hat nicht schon ein-mal im Auto lauthals über einen anderen Verkehrsteilnehmer geschimpft. Dabei legt man häufig einen Tonfall an den Tag, den man im sonstigen Alltag tunlichst vermeiden würde. Diese Entgleisung der Sprache funktioniert im Auto einerseits deshalb so gut, weil der andere einen nicht hört. Andererseits – und dies ist wohl der entscheidendere Grund – weil man den anderen weniger als Menschen, denn abstrakt als Autofahrer wahrnimmt.

Eine ganz ähnliche Dynamik kann man tagtäglich in Schulen beobachten. Selbst Schüler, die ansonsten freundlich und sozialkompetent sind, können gegenüber Lehrern ohne jedes Mitgefühl ausgesprochen feindselig sein – bis hin zu offenem Hass. Dies hängt eben u.a. damit zusammen, dass sie den Lehrer nicht in erster Linie als Menschen wahrnehmen, sondern stärker in seiner Rolle als Lehrer.

In diese Richtung weisen auch klinische Studien an Intensivtätern. Sie fanden heraus, dass bei ihnen die Fähigkeit zur Empathie, das heißt zur Einfühlung in einen anderen Menschen, in der Regel kaum vorhanden ist.

Diese Fähigkeit zur Empathie, die bei Intensivtätern deutlich unterentwickelt ist, bildet im Alltag die Grundlage alles dessen, was wir als ›soziale Kompetenz‹ bezeichnen und für gewöhnlich an anderen Menschen sehr schätzen. Empathie ist dabei im Kern nichts anderes als jener grundlegende Akt der Perspektivübernahme, in dem ich den Anderen als einen Menschen erkenne, der wie ich in der Lage ist zu denken, zu hoffen, zu fühlen, zu wollen, zu leiden.