In letzter Zeit beschäftigt mich eine Frage: Wie gehe ich mit eigenen Zweifeln um? Zweifel sind sicherlich nicht schlecht. Aber wie gehe ich mit ihnen um, wenn ich z.B. Leiter von Jugendlichen bin und immer wieder Themen und Bibelarbeiten halte? Je nach Art und Dauer der Zweifel ist man ja nicht immer in der Lage Predigten, Vorträge etc. zu halten.
Soll man offen sagen, dass man Zweifel hat oder soll man sich nur einigen wenigen Personen öffnen? Ich frage mal direkt ein paar Personen, die bestimmt Erfahrungen haben. Simon, DoSi, Christian, Storch, Björn und Walter und Danny.
Aber auch jeder andere kann sich beteiligen, würde mich freuen
Das ist vor einigen Monaten auch ein großes Thema bei mir persönlich gewesen. Es war nicht einfach, aber ich war einfach offen und ehrlich meinen Leuten gegenüber. Musste aber auch klar stellen, dass ich sogar an meinem Zweifel zweifelte. Ich konnte die Gegenwart Gottes nicht spüren, ich kam mir vor wie ein Atheist.
Es gibt zwei Sorten von Zweiflern – Judas und Thomas. Judas zweifelte an Jesus, hatte deshalb kein Problem, Jesus auch zu verraten. Sein Zweifel brachte ihn von Jesus weg.
Thomas zweifelte auch – lief jedoch nicht weg, sondern in die Arme von Jesus. Er brachte seine Zweifel zu Jesus, und Jesus brachte ihm die “Beweise”.
Durch diese Zeit ist meine persönliche Beziehung zu Jesus auch enorm gewachsen und ich habe viele Dinge über mich selbst und über Jesus gelernt. Habe bei Teensmag einen Artikel darüber geschrieben, kannst du auch online lesen (www.teensmag.de) “Wenn die Leitung zu Gott tot scheint”. Dort gehe ich auch diese Zweifel an.
liebe grüße und halte die ohren steif
Danny
[...] Wie geht man als Leiter öffentlich mit seinen eigenen Zweifeln um? [...]
Wichtiges Thema, Schrotty. Will mich mir aber ein wenig Zeit für nehmen und nochmal drüber nachdenken. Dann schreib ich was.
Super danke dir, freue mich dann auf deine Antwort
Hi!
Mische mich mal ein:
Für mich gibt es zwei Sorten von Zweifeln:
1. Zweifel, die mir neu sind.
2. Zweifel, die ich schon kenne.
Zu 1.
Solchen Zweifeln muss ich nachgehen, sonst zerwurmen die mich. Je nach Kontext würde ich das auch einer größeren Menschengruppe gegenüber bekennen. Es sollte aber eben in den Kontext passen. Für das Detail erscheint mir dann aber eher der persönliche “Du und ich”-Rahmen besser.
Zu 2.
Zweifel, die ich schon kenne, sind idR. Zweifel, die ich schon bedacht und z.T. durchdacht habe.
Wenn es nicht einen wirklich neuen Gedankenblitz dazu gibt, hake ich sie ab.
Die Zweifel der ersten Kategorie können m.E. den Glauben reifer werden lassen.
Die Zweifel der zweiten Kategorie verstehe ich zunehmend als seelische Äußerungen oder gar als Zermürbungstaktik der Finsternis.
Gby,
Dirk.
Hi Dirk
hatte ja geschrieben, dass sich jeder beteiligen kann
Danke dir für deine Antwort, finde die Unterscheidung zwischen “neuen” und “durchdachten” Zweifeln ziemlich gut und nützlich, danke
Habe gerade den Post gelesen und wollte was dazu schreiben, da las ich…
“Das ist vor einigen Monaten auch ein großes Thema bei mir persönlich gewesen. Es war nicht einfach, aber ich war einfach offen und ehrlich meinen Leuten gegenüber. Musste aber auch klar stellen, dass ich sogar an meinem Zweifel zweifelte. Ich konnte die Gegenwart Gottes nicht spüren, ich kam mir vor wie ein Atheist.”
… und dachte: Hoppla! Hatte ich hier schon geantwortet?
Tatsache ist:
- Vor ein paar Monaten war es bei mir so stark, dass ich für einige Zeit tatsächlich als Atheist hätte durchgehen können. Ich hatte auch jegliches christliche Standardverhalten (Beten, Bibel lesen, zur Gemeinde gehen usw.) abgelegt.
- An einer Stelle musste ich mich zu einer Entscheidung durchringen, und die hieß für mich:
Basis meiner weiteren Suche ist: Gott existiert. Und dies gilt solange, bis für mich ganz klar das Gegenteil erkennbar ist (ich spreche hier bewußt nicht von “Beweis”).
An diesen besagten Punkt bin ich bisher noch nicht gelangt, daher gilt immer noch: Gott existiert.
Das ist erstmal eine ziemlich gute Basis!
- Eine Weile später habe ich darüber auch im Jugend-Hauskreis gesprochen, den ich betreue. Und die Wirkung war enorm: Plötzlich fing jeder an, über seine Zweifel zu sprechen! Offen, deutlich, ohne Scheu.
- Ich bin über meine Zweifel noch nicht vollständig hinaus, obwohl ich mich wieder mehr auf der Schiene befinde.
Mal mehr mal weniger nagen sie an mir.
- Ich stelle jedoch fest, dass ich eine ganze Menge durch den Umgang damit lerne. Auch lerne, dass es etliche Stellen gab, wo sie einfach berechtigt waren und Alteingefahrenes ohne Verlust geprüft und über den Haufen geworfen werden konnte. Andere Zweifel hinterließen ein schmerzendes Loch und machten mir so klar, was ich brauche und wo ich wirklich Klärungsbedarf habe, auf was ich nicht einfach verzichten kann.
So lerne ich, was einfach geschlucktes Introjekt ist, und was elementarer Teil meines Glaubens.
- Tatsache ist: Das Sprechen über diese Situation, die Transparenz den Jugendlichen gegenüber, hat insgesamt die Gruppe und mein Verhältnis zu ihnen eher gefördert als belastet.
Ich denke einfach, dich in deinen Zweifeln und deiner Schwäche zu erleben ist für die Jugendlichen hilfreicher, als wenn sie einen niemals zweifelnden, immer sicheren Superfrommen wahrnehmen, während bei ihnen selbst heimlich die Unsicherheit nagt. Du rückst ihnen näher, bist auf Augenhöhe, statt auf einer fernen imaginären Kanzel.
PS: Zu Dirks letztem Satz: Für mich eine gute Hilfe dazu ist, die Beschäftigung mit dem jeweiligen Zweifel tatsächlich schriftlich auszuformulieren, praktisch seine eigene kleine Apologetik zu schreiben.
Was beinhalten die Zweifel eigentlich? Welche Gedanken tauchen auf? Wie bin ich ihnen früher begegnet? Usw.
(Letztlich bin ich so zum Bloggen gekommen, auch wenn ich dann doch (bisher noch) nicht alles veröffentlicht habe, was mir so durch den Kopf ging).
Möglicherweise kommt dabei irgendwann auch ein gutes Thema für eine Bibelarbeit o.ä. heraus.
Danke euch für eure vielen ehrlichen Antworten, das hilft mir wirklich
Vielleicht wäre es noch interessant wie ein Pastor mit so etwas umgehen sollte, jemand der womöglich Sonntag für Sonntag predigen soll..?!
Kurzes Statement von mir dazu: Er sollte auf jedenfall nicht heucheln, von etwas sprechen was er in der momentanen situation gar nicht bestätigen und ausleben kann.
@MentalRover:
Das Schreiben hilft mir auch enorm!
Wenn dann noch die Chance besteht, sich mit anderen über z.B. einen Blog darüber auszutauschen – suppi!
@Schrotty:
Sehe ich ähnlich wie Du.
Fraglich ist, wie weit er dabei gehen sollte.
Er hat große Verantwortung mit dem, was er von sich gibt. Nicht jeder Zuhörer wird ein gestandener Christ sein, der mit Zweifelsbekundungen umgehen kann. Es kann immer Leute geben, die so was einfach nur fertig macht.
Wenn ich predige, dann bemühe ich mich, authentisch zu sein. Ich gebe Schwächen zu. Auch Fehler. Aber ich verarbeite sie so in der Predigt, dass es letztlich der biblischen Botschaft dient.
Ich denke, es wäre falsch, wenn ein Prediger die Kanzel zu seinem Therapiesofa macht.
Das ist der Unterschied: Wem dient es?
Schrotty, ich bin Pastor und verstehe dein Dilemma. Das, was Emerging Churches von traditionellen Kirchen unterscheiden wird, ist Authentizität – Echtsein. Das bedeutet das der Pastor ganz offen mit seinen Zweifeln und Enttäuschungen umgehen wird, natürlich auf eine gesunde Art und Weise. Der Pastor sollte meiner Meinung nach ein Vorbild für Zweifel sein, wie man mit Zweifel umgeht. Das fehlt in unseren Kirchen – es wäre echter und attraktiver, wenn Gemeindeleiter aufhören, ihr Plastik-Image zu behalten, sondern echt, nahbar und “menschlich” werden.
@Dirk:
Sehe ich auch so.
Insgesamt fällt mir aber auch auf, dass es sehr von der Gottesdienstkultur der Gemeinde abhängig ist, wie damit umgegangen wird. Wie viel Fassade, wie viel “Öffentlichkeits”-Bewußtsein ist vorhanden, wie sehr kommen persönliche Anliegen überhaupt im Gottesdienst vor?
Ist wohl auch mit ein Aspekt der Größe der Gemeinde.
Dazu muss dir selbst erst einmal deine Situation “eine biblische Botschaft” sein. Dass ist fast immer erst im Rückblick der Fall, und so stehen viel zu oft Leute auf der Kanzel, die von ihren “Erfolgen” bei der Verarbeitung von Anfechtungen reden.
Die kann für manche Zuhörer ihre eigene Not verstärken, wenn sie sich selbst mit ihren Zweifeln an einem Tiefpunkt befinden, und ein solches “…und Gott hat mir geholfen” im Moment überhaupt nicht erfahren.
Ist also wirklich ein sensibles Thema.
Ein anderer Aspekt an dieser Stelle, der mehr an Schrottys Frage anlehnt: Es ist Job eines hauptamtlichen Predigers, zu predigen, sprich: von der Kanzel zu lehren. Wenn er dazu nicht in der Lage ist, z.B. weil er krank ist, ist es Aufgabe der Gemeindeleitung, einen Ersatz zu besorgen und sich darum zu kümmern, dass er wieder auf die Beine kommt.
Dies gilt in meinen Augen nicht nur, wenn er “krank” ist. Zweifel, Depression, eine einschneidende Lebensveränderung, all das kann auch einen Prediger treffen und ihn “arbeitsunfähig” machen.
Es ist auch hier insbesondere Pflicht der Gemeindeleitung, den Prediger entsprechend freizustellen und für seine “Genesung” in seelsorgerlicher Weise zu sorgen. Pflicht sowohl dem besagten Prediger als auch der Gemeinde gegenüber. Er gehört in dieser Zeit mal vielleicht einfach gar nicht auf die Kanzel. Punkt.
Das heißt aber nicht, dass er nicht, wie jedes andere Gemeindemitglied auch, öffentlich bekennen kann, dass er sich in einer ver-zweifel-ten Situation befindet, dass er z.B. Gebet benötigt usw.
Ich habe ehrlich gesagt ein echtes Problem damit,
dass allgemein erwartet wird, dass Gemeindemitglieder ihre Tiefen, ihre Nöte usw. als Gebetsanliegen und Bekenntnis auch öffentlich vortragen, damit die Gemeinde daran Anteil nehmen kann, gleichzeitig von den Predigern/Pastoren aber erwartet wird, dass sie selbst nie in diese Situation kommen und mit solchen Anliegen vor das Mikro treten. Das ist einfach unehrlich.
Das wiederum verstehe ich nicht.
Wieso muss ein Zuhörer “gestandener Christ” sein, um mit Zweifelsbekundungen “umgehen” zu können?
Genau bei dieser Sichtweise wird für mich die Kanzel zum Therapiesofa, weil alle Zuhörer letztlich zu Therapeuten werden, die nach dem Gottesdienst den Prediger mit ihrem gestandenen Christsein überfahren werden.
Interessant ist hier doch genau, dass sich die Zuhörer möglicherweise vielmehr selbst wiedererkennen und selbst in die Lage versetzt werden, über ihre Zweifel zu reden.
Ich möchte Gemeinde an sich gerne als eine
“Selbsthilfegruppe von Suchern” betrachten, sozusagen “Anonyme Zweifler”. Manche sind zwar weiter als andere, aber allen ist gemeinsam: Sie kennen das Problem. In dem Sinne gibt es dann auch keinen “Therapeuten”.
Hi MentalRover!
Du schreibst nachdenkenswerte Dinge.
Interessant vor allem die Gleichsetzung von (starken Zweifeln) und körperlicher Erkrankung.
Das würde vom Pastor und der Gemeindeleitung wirklich eine gute Offenheit voraussetzen. Auf jeden Fall erstrebenswert!
Du schriebst (wie kriegt man diesen Einschub hin?):
“Dazu muss dir selbst erst einmal deine Situation “eine biblische Botschaft??? sein. Dass ist fast immer erst im Rückblick der Fall, und so stehen viel zu oft Leute auf der Kanzel, die von ihren “Erfolgen??? bei der Verarbeitung von Anfechtungen reden.
Die kann für manche Zuhörer ihre eigene Not verstärken, wenn sie sich selbst mit ihren Zweifeln an einem Tiefpunkt befinden, und ein solches “…und Gott hat mir geholfen??? im Moment überhaupt nicht erfahren.”
Hört sich nachvollziehbar an, vorausgesetzt, der Prediger erzählt wirklich nur von “Erfolgserlebnissen”. Das wäre tatsächlich einseitig und irgendwann auch unrealistisch.
Was anderes wäre es m.E., wenn er auch offen eingesteht, dass er an manchen Punkten nicht weiter weiß. Der Bogen zu Gott ist dann sehr simpel, aber völlig richtig: Solche Sackgassensituationen treiben nicht nur in Zweifel, sondern auch in’s Gebet. Dann merken die Zuhörer, dass der Pastor auch nicht auf alles eine Antwort hat und nicht immer Erfolg hat. Sie merken aber auch, dass es durch den Draht zu Gott einen Hoffnungsfunken gibt.
Du schriebst:
“Das wiederum verstehe ich nicht.
Wieso muss ein Zuhörer “gestandener Christ??? sein, um mit Zweifelsbekundungen “umgehen??? zu können?”
Ich wollte einen Vergleich herstellen zwischen jemanden, der recht frisch im Glauben ist und jemanden, der schon einige Jahre Glaubensleben hinter sich hat.
Vielleicht gehe ich dabei auch zu sehr von mir aus, denn in meinen ersten Jahren als Christ waren Zweifel ein ständiger Begleiter. Hätte dann ein Pastor bekundet, dass er auch Zweifel hat und meine Zweifel womöglich richtig sind, dann hätte mich das wohl runtergezogen. Depression lässt grüßen!
Sicher:
Nicht alle sind so. Andere werden es vielleicht sehr zu schätzen wissen, wenn sich der Pastor so ehrlich “outet”.
Ich beobachte nur (in meiner Gemeinde), dass es einige recht sensible Menschen dort gibt. Die kommen nicht, damit ich sie runterziehe, sondern sie suchen Trost und Ermutigung und Hoffnung.
…
dabei merke ich, dass es vielleicht gar nicht um die Unterscheidung “gestandener” vs. “ungestandener” Christ geht, sondern vielleicht mehr um die Frage der Sensibilität einer Person.
Ich denke weiter nach…
Du schriebst:
“Ich möchte Gemeinde an sich gerne als eine
“Selbsthilfegruppe von Suchern??? betrachten,…”
Ein gutes Bild.
Vor allem vor diesem Hintergrund. Denn Selbsthilfegruppen haben mitunter ein eigenes therapeutisches Potential. Somit ist nicht einer der Therapeut, sondern erst in der Gruppe wird dieses Potential entfaltet.
Hey danke für die vielen guten Antworten.
Danny, sorry aber hab grad gar nicht dran gedacht, dass du Pastor bist, weiß ich doch…
Genau über den Punkt des “Echtsein” habe ich in letzter Zeit viel nachgedacht und für mich persönlich als mein “Lebensmotto” (wenn man das so überhaupt sagen kann) genommen. Ich möchte echtsein zu mir selber, zu Gott und auch im Umgang und im Verhalten meinen Mitmenschen gegenüber.
@Mentalrover
du hast gute Gedanken, danke dir, stimme dir total zu. Von den Erfolgen in Zeiten von Zweifeln und Anfechtungen will man nur soweit hören, wie man auch weiß woher die kommen, wie es in der Zeit einem am besten geht etc.
Den anderen Punkt des Austausches in der Gemeinde, den du angesprochen hast, finde ich super interessant und mich ärgert das ehrlich gesagt, dass oft von Leitern erwartet wird, dass sie immer bereit sind irgendwo einzuspringen, fast perfekt leben und wenn man dan von Zweifeln oder heftigen Anfechtungen spricht wird oft komisch geguckt und gesagt:” du bist doch Leiter/Pastor (etc. sucht euch was aus), du musst doch schon soweit sein, dass du in dem Bereich kein Problem haben dürftest…”
@MentalRover
1)Finde ich sehr nachdenkenswert, (starke?) Zweifel mit einer körperlichen Erkrankung gleichzusetzen.
Würde in der Praxis eine liebevolle Offenheit zwischen Pastor und Gemeindeleitung voraussetzen.
2) Nur Erfolgsgeschichten zu bringen und das als “Ehrlichkeit” zu verkaufen, wäre letztlich auch lieblos vom Pastor.
Trotzdem sollte der Prediger schauen, ob er dennoch ein wenig Hoffnung vermitteln kann.
Und sei es: “Diese Zweifel treiben mich in’s Gebet … und ich warte darauf, dass Gott helfen wird!”
Denn die meisten Leute wollen sich eine Predigt wohl nicht deswegen anhören, damit wir alle uns mal so richtig runterziehen können – sondern, um Wegweisung, Trost, Kraft zu bekommen.
Wenn ein Pastor das nicht leisten kann/will, dann sollte er evtl. wirklich eine Krankschreibung abgeben.
3) Die Sache mit dem “gestandenen” Christen meinte ich so:
Das wäre ein Christ, der selber manche Zweifel kennt und auch weiß, dass es nicht immer DIE Antwort gibt.
In meinen ersten Jahren als Christ war ich voller Zweifel. Hätte mir der Prediger nun öffentlich bekannt, dass er so viele Zweifel hat und keine Antwort weiß, dann hätte mich das womöglich in eine Depression gestürzt.
Ich war kein “gestandener” Christ und hatte kaum Erfahrungen. Ich brauchte Antworten und Hilfe, aber keine (ich sag’s mal böse) “Selbsttherapie” des Pastors auf der Kanzel.
Aber vielleicht passt auch die Differenzierung hinsichtlich der Sensibilität besser. Selbst manch “gestandener” Christ ist sensibler als andere und kann deswegen nur schwer mit öffentlichen Zweifelsbekundungen umgehen. Was sollte ein Pastor bezüglich dieser “Schwachen” für seine Predigt bedenken?
4) Ich finde Dein Bild der Selbsthilfegruppe gut. Klar, wir bekennen Gott als DEN Therapeuten. Aber Selbsthilfegruppen haben auch ein eigenes therapeutisches Potential. D.h. Nicht der Pastor ist der Heiler, sondern erst im Zusammenleben der Christen entfaltet sich das Potential. Daher: gutes Bild!
Hallo zusammen,
ich als Calvinist versuche hier einmal eine weitere Dimension des Zweifelns reinzubringen und unterscheide zwischen dem:
1.) Zweifel an der Wahrheit der Schrift und somit der Existenz Gottes, der Autoritaet seiner Gebote, sowie seinen Heilsversprechen fuer diejenigen, die er auserwaehlt hat an ihn zu glauben, auf das sie das ewige Leben erhalten (Johannes 6:44, 15:16; Apostelgeschichte 13:48, Roemer 9:11-13, 2 Timotheus 1:9).
2.) Zweifel an mir selbst, ob ich nun wirklich ein glaeubiger Christ bin oder mir nur etwas vormache und immernoch von der Suende beherrscht werde.
Zu 1.) Um an etwas zu zweifeln, muss ich bereits von dieser Sachlage ausgehen, andererseits wuerde ich gar nicht erst daran glauben. Ich glaube also an die Schrift und das sie Gottes Wort ist, mit welchem er seine Propheten und Apostel inspiriert hat. Folglich glaube ich alles, was die Schrift mir sagt. Von daher greift christliche Apologetik schon einmal falsch, da sie versucht, den Glauben zu verteidigen. Jesus selbst war vor seinen Kritikern immer was man im englischen einen pre-suppositional apologist nennt – er hat die Existenz Gottes (seiner eigenen Existenz) vorausgesetzt und daraus angefangen zu argumentieren.
Desweiteren glaube ich dann auch, dass Gott mich aus seiner Gnade allein zum Glauben berufen hat – ohne seine Entscheidung an mein folgendes Verhalten, Glauben etc. zu koppeln.
Zu 2.) Gerade wenn ich also glaube, dass der HERR die seinigen zum Glauben vorherbestimmt (Praedestination), muss ich mich fragen, ob ich nun zu diesen gehoere oder nicht. Besonders in fruehen Jahren als wiedergeborener Christ ist man da von Zweifeln geplagt – und das sehe ich als gutes Zeichen! Denn der Satan merkt, dass er den Kampf um die Seele desjenigen verliert, und versucht nun mit all seiner Macht, dem Christen einzureden, er sei eigentlich keiner und solle seine Zeit besser fuer die Dienste des Teufels nutzen.
Aber natuerlich ist dieses Unterfangen des gefallenen Engels zum Scheitern verurteilt. Denn die Auserwaehlten werden durch Gottes Allmacht durch den Glauben bewahrt und nichts kann sie von seiner Liebe trennen. Wahre Glaeubige werden oft Versuchungen unterliegen und schwere Suenden begehen, doch diese Suenden werden nicht dazu fuehren, dass sie ihre Erloesung verlieren oder von Christus getrennt werden (Jeremia 32:40, Roemer 8:35-39, 1 Thessalonicher 5:23-24).
Ok, dann lasse ich auch mal was als Pastor ab: ich rede nur selten von Zweifeln auf der Kanzel und wenn dann als Randbemerkung. Predigt darf, sollte aber nicht immer und nicht zu ausführlich von mir handeln. Aber ich verbiege mich auch nicht und bleibe immer ehrlich in der Predigt. Wenn es mit nicht gut geht im Glauben, kann und will ich das sagen. Das war für manche in der Gemeinde zuerst gewöhnungsbedürftig entspricht aber meinem Bild von Gemeinde als Weggemeinschaft. In meinem Hauskreis, den ich zwar leite, der für mich aber auch Tankstelle und Gemeinschaft ist, rede ich sehr offen, aber auch dort nicht in allen Details – das ist dagegen in der Supervision und Seelsorge möglich, die ich mir jeden Monat zwei Stunden gönne. Und gegenüber einem guten Freund, den ich regelmäßig sehe und der auch Ältester in der Gemeinde ist.
Generell: Zweifel nie unterdrücken oder wegreden – sie existieren und zeigen etwas an. Und sie verschwinden nicht einfach so. Es können allerdings auch Angriffe des Gegners sein, dann schmeisse ich sie bewusst aus mir heraus! Soweit erst mal…;-)
Sorry Jungs, einige Kommentare von Dirk und Thomas sind hängen geblieben. Habe sie aber eben wiederhergestellt, es kann weiter gehen
Hallo, Schrotty, habe das wegen Webabstinenz erst heute entdeckt. Antwort kommt noch. Walter
Hi Schrotty,
habe gerade erst deinen Aufruf auf meinem Dashboard bemerkt.
Hier wurde ja schon einiges gesagt. Hab nicht alles gelesen. Aber was Danny sagt würde ich auch unterstreichen.
Ich hab heute glaube ich soviel wie nie mit Zweifeln zu tun. Mal stärker mal weniger stark. Ein bisschen schwächer ausgedrückt könnte man sagen, dass ich einfach ziemlich viel über Grundsätzliches nachdenke.
Wie offen ich darüber rede hängt auch von der Beziehung ab, die ich mit dem jeweiligen Gesprächspartner hab. Ist glaube ich ziemlich normal. Versuche eigentlich immer offen zu sein. Bin auch kein guter Schauspieler.
Finde das auch befreiend. Und Gott kommt damit sowieso zurecht. Schließlich steht und fällt er und was er sagt nicht mit meinem Glauben oder Nicht-Glauben.
Es gibt einen sehr guten Artikel zum Thema von Hans-Jürgen Peters. “Der Zweifel: Sein Grund, sein Wesen, seine Überwindung.” Er ist Pfarrer in Marburg. Kenne ihn persönlich. Sehr netter und kompetenter Mann. Wenn du ihm schreibst (Adresse findest du auf http://www.consiglio.de/), schickt er dir den Artikel bestimmt zu.
Hey danke für den Tipp, habe ihn direkt angeschrieben und ihn auch eingeladen hier in die Diskussion mit einzusteigen, wenn er möchtet. Bin mal gespannt…
[...] Zweifel Ich schreibe diesen Post auf einen Post von Schrotty. Ich weiß nicht, ob es eine Antwort werden wird, eher ein [...]
Hi, ich habe bei Björn schon einen langen Kommentar abgegeben, aber Björn bezieht sich auf Deinen Post, deshalb dachte ich, schreib ich Dir auch noch – aber wird lang – ich bin Pfarrer, die können sich in der Regel nicht kurzfassen …
Ich komme aus der katholischen Tradition, bin Priester, und wir hatten im Priesterseminar einen ziemlich strengen Spiritual, der Zweifel nicht zulassen wollte. War nach seiner Meinung (gedeckt durch den Katechismus und auch wohl biblisch begründet) Sünde – eine Sünde gegen das erste Gebot. Der Spiritual hat ziemlich genau darauf geachtet, ob wir uns weigerten, für wahr zu halten, was Gott geoffenbart hat oder die Kirche zu glauben vorlegt. Oder ob wir Seminaristen die Mühe scheuten, über Einwände gegen den Glauben hinwegzukommen. Oder ob wir Seminaristen aus Angst zweifelten. Das sind wohl die Punkte, wo’s kritisch wird – wenn man den Zweifel PFLEGT. Aber wer tut das schon. Wir hatten ja auch so unsere Fragen. Kein Wunder, das sich niemand mehr im Priesterseminar in dieser Richtung äußern wollte. Ich bezweifle aber, daß alle so glaubensfest waren. Nach biblischem Verständnis ist Glaube ja: Festigkeit haben können und Festigkeit beweisen. Glaube ist also weder Salto mortale in absurde Lehren (wie sie Sekten verlangen) noch unverbindliches Umherirren und ständiges Suchen. Der Weg ist eben nicht das Ziel. Sondern Glauben bedeutet: in etwas stehen und zu etwas stehen. Nicht: den Verstand aufgeben, sondern sich festmachen, Halt gewinnen in etwas. Glaube heißt: nicht hektisch umherspringen, sondern sich einreihen in eine Geschichte, in einen roten Faden. Sich verankern in einer Prozession von Glaubenszeugen. Für mich ist immer ziemlich wichtig gewesen zu wissen: mein Glaube darf so klein sein wie ein Senfkorn (und Jesus hatte sogar Senfkörner vor Augen, die viel kleiner waren als die Senfkörner, die wir kennen, nämlich gerade noch mit dem Auge erkennbar).Also so klein darf mein Glaube sein. Denn auch ein kleines Senfkorn trägt alle Verheißung in sich, eine große Verheißung.Glaube kann nämlich dann die Kraft zur Treue werden, die Erstaunliches möglich macht. Was mich bei Dietrich Bonhoeffer oder Edith Stein zum Beispiel mächtig beeindruckt. Oder bei Mutter Teresa. Und bei Mutter Theresa, das kann man in ihrer Autobiographie nachlesen, fing es wirklich ganz klein an, klein wie ein Senfkorn. Glaube ist eine Kraft, die gegen jede Erwartung wirksam ist. Und die dann trotzdem etwas erbringt, was zum Himmel weist. Glaube ist ein Ja, das sich auf Stärkeres gründet. Auf eine letzte äußerste Ahnung, daß der Tod nicht das Endgültige ist.
Toll finde ich ein Gedicht zum Thema von Andreas Knapp.
„Glauben sie/so wurde ich gefragt/an den lebendigen Gott / und ich antwortete / ich lebe davon / daß Gott an MICH glaubt.
Und was halten Sie / von Jesus Christus / und ich antwortete / ich baue darauf / daß ER MICH hält.
und was denken Sie / vom Heiligen Geist / und ich antwortete / daß er uns beide tief verbindet / mehr als wir uns denken können.“
Liebe Grüße. Und nichts für ungut.
Hi Doxadei danke dir für deinen super Post, ist wirklich sehr hilfreich
Hey Schrotty,
sorry, ich hab den Post erst heute bemerkt und auch nicht alle Kommentare gelesen. Die letzten Wochen waren bei mir ziemlich voll und im Advent will ich ein wenig den Gang rausnehmen. Ich denke auch, daß in den Kommentaren schon vieles Wichtige gesagt wurde. Daher nur eine kurze Antwort von mir:
(1) Klärung: Geht es um rationale Zweifel, also ein An-zweifeln von Glaubensaussagen wie “Gott existiert” oder “Gott meint es gut mit mir” oder “Jesus ist auferstanden”? Oder geht es um emotionale Zweifel wie “Ich kann die Gegenwart Gottes nicht mehr spüren”?
(2) Rationale Zweifel gehören einerseits zum Glauben dazu, andererseits schenkt der Geist Gottes auch eine tiefe Gewißheit, die aus der Verbindung mit Gott in Christus kommt und die über Vernunft und Sinne geht.
(3) Emotionale Zweifel sind völlig normal. Vor allem im post-charismatischen Umfeld. Schau Dir mal die Leben der Glaubenshelden im AT an. Wie oft hat z.B. Abraham eine Begegnung mit Gott gehabt? Vielleicht erscheint das als viel, aber rechne es mal auf hundert Jahre + x hoch…
(4) Unten in Deinem Footer hast Du Röm 8,31f stehen. Die Meditation solcher Verse kann hilfreich sein.
(5) Bete die Psalmen. Vor allem die Klagepsalmen. Aber rede zu Gott in der zweiten Person, nie von ihm in der dritten. Schrei ihm Deine Zweifel in’s Gesicht. Die Psalmisten durften das, dann dürfen wir das auch.
(6) Über Zweifel reden ist nicht einfach. Manche Menschen sind einfältig bei Gott wie David in Ps 131. (So geht es mir auch meistens.) Diese müssen wir nicht unnötig in Unsicherheiten bringen.
(7) Vielleicht ist es in Zeiten des Zweifelns gut, Freunde zu haben, die einen wie den Gelähmten auf der Bahre zu Jesus tragen. Dann heißt es: “Und als er IHREN Glauben sah…”
(8) Als Leiter mit den Anzuleitenden über Zweifel zu sprechen finde ich wichtig. Aber weniger als Vortrag, sondern mehr im Austausch. Ich bin sowieso kein großer Freund von Frontalpredigten. Du mußt als Leiter nicht vollkommen sein. Wenn Deine Jugendlichen Zweifel haben, warum solltest Du von ihnen verschont bleiben? Es ist auch in diesem Fall gut, offen, transparent, authentisch, wahrhaftig und verletzlich zu sein. Je mehr von dem Idealbild zerbricht, das sich andere von Dir machen, desto besser.
(9) Bitte nicht auf die Art: “Ich zweifle, und das ist gut so!” Drücke Deinen Schmerz darüber aus. Sag ehrlich, wie es Dir geht. Mach Dich durch Deine Zweifel nicht geistlicher. Gestehe auch den Einfältigen ohne Zweifel ihr Recht zu.
Das sind meine 2 Cent, unreflektiert und spontan.
Segen!
Schrotty, ich bin total beeindruckt von den vielen guten Beiträgen hier und der Diskussion. Irgendwie ist alles, woran ich gedacht hatte, schon gesagt worden und es jetzt nochmal zu sagen, das wäre ja irgendwie quatsch. Deswegen bedanke ich mich einfach bei allen, die beigetragen haben, für diese ernsthafte Diskussion und die vielen guten Anregungen zum Thema.
@DoSi
brauchst dich nicht zu entschuldige, finde es überhaupt super, dass du geantwortet hast… Zwischendurch einen Gang runtergehen ist immer gut. Danke dir für deine spontanen Gedanken, gefallen mir gut.
@Simon
ich stimme in den Dank mit ein