Ich habe mich letztens mit einem Freund über diese Stelle unterhalten:
V.18 Wenn ich zum Gottlosen sage: ?Du musst sterben?, und du gibst diese Warnung nicht an ihn weiter und redest nicht mit ihm, um ihn von seinen bösen Taten abzubringen, damit er am Leben bleibt, dann wird er wegen seiner Sünde sterben, doch ich werde dich für seinen Tod zur Verantwortung ziehen.
V. 19 Wenn du ihn aber warnst und er sich trotzdem nicht von seiner Gottlosigkeit und seinem schlimmen Lebenswandel abbringen lässt, dann wird er wegen seinen Sünden sterben, während du dein Leben gerettet hast.
V. 20 Wenn ein Gerechter sein rechtschaffenes Leben aufgibt und etwas Böses tut, dann bringe ich ihn zu Fall, und er wird sterben, wenn du ihn nicht warnst. Wegen seinen Sünden wird er sterben und seine guten Taten von früher werden ihm nicht helfen. Doch ich werde dich für seinen Tod zur Verantwortung ziehen.
Wir wurden über diese Stelle nicht ganz schlau, weil wir versucht haben uns das praktisch vorzustellen.
Wenn ich als Christ jemanden nicht von Gott und von der Rettung durch Jesus erzählt habe, wie genau kann ich dann für dessen eventuellen Tod zur Rechenschaft gezogen werden?
Durch Jesu Tod bin ich ja für immer von der Schuld befreit und Gottes Sohn, also wie würde dieses “zur Verantwortung ziehen” aussehen?
Vielleicht dadurch, dass ich nachher im Himmel weniger Lohn bekomme (aber wird mir das nicht egal sein, weil es ja kein Neid gegenüber anderen im Himmel geben wird?)?
Ich hoffe ihr versteht meine Frage und vielleicht kann ja der eine oder andere, z.B. Danny, Simon, haso, Karl , Storch oder auch die anderen. Fühlt euch frei.
Also in dem Kontext spricht Gott wohl nur zu Hesekiel. Ist die Frage, ob man das einfach so auf uns Christen übertragen kann, die es damals ja noch gar nicht gab. Dennoch verdeutlicht diese Stelle Gottes Gedanken zu dem Thema.
Daraus könnte man indirekt die Verantwortung, die wir gegenüber anderen haben, ableiten. Inwiefern Gott nun uns genauso zur Verantwortung zieht wie Hesekiel, kann ich nicht sagen, geschweige denn wie das konkret aussieht. Ich bin gespannt, was die andern dazu denken.
Darüber habe ich als aller erstes nachgedacht, ob diese Stelle auch für mich gilt. Und ich bin mir sicher ja, weil wie du schon sagst, es Gottes Gedanken zu diesem Thema zeigen.
Sehr gute Fragen, Schrotty. Ich will mal versuchen, meine Gedanken aufzuschreiben – nicht, weil ich Theologie studiert habe (über diesen Text hab ich mal rein gar nix studiert in sechs Jahren), sondern weil ich das gut und wichtig finde, sich über Bibeltexte auszutauschen. In gewisser Weise meine ich, dass wir alle Theologen sind, wenn wir uns über Gottes Wort austauschen. Leute, die das speziell studiert haben, sehen vielleicht einige Dinge, die andere nicht sehen, dafür übersehen sie aber auch Dinge, die andere sehen meiner Erfahrung nach. [Ende der Vorrede]
Zunächst mal würde ich das unterstreichen, was Thomas schon geschrieben hat: Dieses Wort geht von Gott erst einmal an Hesekiel in einer ganz speziellen Situation zu einer ganz speziellen Zeit. Er soll (V.18) Menschen den Tod ansagen, die unrecht handeln (dabei geht um den tatsächlichen und wahrscheinlich recht unmittelbaren Tod derjenigen Person). Es ist aber offenbar keine Todes-Ansage, die unumkehrbar wäre, denn daran anschließend können diejenigen doch noch ihren Lebenswandel ändern (V.19). Das Zur-Verantwortung-Ziehen, das du fett markiert hast, meint offenbar ebenso ein sofortiges Sterben des Propheten Hesekiel (geht aus anderen Übersetzungen besser hervor, hier aber auch aus dem Ende von V.19).
Wichtig zu beobachten ist also am Text erst einmal, dass es in keiner Weise um irgendein Geschehen nach dem Tod (im Himmel) geht – die Vorstellung eines Lebens nach dem Tod ist jünger als dieser Text und existiert in der Form, wie wir es kennen, noch nicht zu dieser Zeit. Es geht und kann natürlich auch nicht um Jesu Kreuzestod für uns gehen und es geht auch nicht um Evangelisation im Sinne von Leuten zu Gott bekehren. Über all diese Dinge sagt der Text also nichts aus.
Nun stellt sich die Frage, ob das, was da zu Hesekiel gesagt wurde, vielleicht auch direkt zu uns gesagt ist. Ob wir also zu jemandem hingehen sollten und ihm sagen sollten: “Wenn du weiter Unrecht tust, wirst du sehr bald sterben.” Ich will nicht ausschließen, dass das auch in unserer Zeit möglich wäre (siehe auch im NT Ananias und Saphira), aber ich denke nicht, dass der Text das sagen will.
Wenn der Text aber keine direkte Handlungsanweisung an uns ist, kann man ja dennoch immer noch fragen, ob sich das Ganze nicht irgendwie übertragen lässt – du sprichst da ja von “Gottes Gedanken zu diesem Thema”. Ich denke: “Ja” – schon allein aufgrund der Tatsache, dass der Text für uns aufgeschrieben wurde und in der Bibel gelandet ist. Die Frage ist aber, was “dieses Thema” ist, um das es hier geht.
Mit deinem Freund hast du dich ja über Evangelisation unterhalten und die Frage, was passiert, wenn du jemandem nicht von Jesu Rettungstat erzählst. Das finde ich nun sehr weit ab von dem, worum es hier geht, zumal das ja auch sonst in der Bibel nirgendwo gesagt wird, dass ich dafür verantwortlich gemacht werden würde. Und wenn es hier um Gottlosigkeit geht, dann ist ja auch nicht Atheismus gemeint, sondern gottloses Handeln im Angesicht Gottes.
Ich meine also, was wir hier lernen können, ist zweierlei: Zum einen hat es Konsequenzen, wenn wir unrecht und gottlos handeln. Zum anderen werden wir von Gott auch zur Verantwortung gezogen, wenn wir zwar selbst nicht unrecht handeln, aber unserem propehtischen Auftrag nicht gerecht werden, auf vorhandenes Unrecht in der Welt und in unserer Umwelt hinzuweisen. Für die Tatsache, dass auch wir (und nicht nur Hesekiel) diesen prophetischen Auftrag haben, würde ich ins Feld führen, dass seit Pfingsten der Geist Gottes nicht nur auf speziellen charismatischen Persönlichkeiten und Propheten ruht (so noch im AT), sondern auf allen von uns.
Soweit meine Gedanken, die nicht richtig sein müssen. Ich bin gespannt auf andere Meinungen.
Hi Simon,
danke dir für deine doch recht ausführliche Antwort
Zu deiner Vorrede: Ich dachte nur, dass dieses Thema vllt. schon besprochen wurde
Du sagst das es in diesem Text wohl kaum um Evangelisation geht. Hast du in gewisser Weise auch recht.
Eine Frage hätte ich aber zu dem was du im letzten Abschnitt geschrieben hast. Du sagst, dass ich als Christ einen phrophetischen Auftrag habe auf vorhandenes Unrecht hinzuweisen. Zu diesem prophetischen Auftrag gehört aber auch den Menschen in unser Umgebung von Jesus zu erzählen.
Eine zweite Sache: Wie würde uns Gott denn zur Verantwortung ziehen?
Ich würde sagen, dass es bei dem prophetischen Auftrag nicht in erster Linie darum geht, von Jesus weiterzuerzählen. Dafür würde ich den Missionsauftrag bemühen. Ich weiß nicht, ob das Haarspalterei ist, aber wichtig ist doch, dass wir nicht direkt für das Heil anderer Menschen verantwortlich sind. Wir erzählen von Jesus, weil wir gar nicht anders können und begeistert sind von ihm und die Freude überschwappt und wir andere Menschen lieben, aber nicht, weil wir Angst haben müssen, dass wir anderenfalls sofort sterben würden.
Wie Gott das machen würde, weiß ich nicht. Da ist er ja souverän. Aber selbst als Lutheraner (der traditionell nicht gerne über gute Werke spricht) muss ich ja zugeben, dass es in Mt 25 offenbar einen Zusammenhang zwischen meinem Umgang mit benachteiligten Mitmenschen und meinem Leben nach dem Tod gibt – wie immer das dann aussieht. Aber es zeigt wieder wie in Hesekiel schon wie sehr Gott es schmerzt, wenn Unrecht herrscht.
Ich bin ein Theologe. Also, wir können nicht die Berufung eines AT Propheten mit dem NT verwechseln. Der NT Auftrag besteht in Mt.28,19. Aber, verwechsele nicht eine individuelle Berufung im AT mit einmem allgeminen Auftrag des AT.
Ich bin nicht für eine Trennung des At vom NT. Aber für eine zeitgeschichtliche Differenzierung. Das Problem liegt in der Liebesethik des NT. Dort ist nicht alles so klar verbalisiert wie im AT. Aber, dies darf nicht zum Relativismus führen.
Matthias
Danke erstmal alle für eure Antworten. Habe gestern erst mit meinem Bruder darüber gesprochen. Und er dachte ähnlich wie ihr. Mir wird es jetzt auch einleuchtender.
Was ganz wichtig ist, dass im NT keine Stelle genannt wird, dass wir zur Verantwortung gezogen werden, wenn wir Menschen nicht von Jesus erzählen. In 1. Petr. 3,15 steht, dass wir bereit sein sollen Rechenschaft abzulegen, wenn uns jemand danach fragt. Das ganze ist also passiv zu sehen. Ich muss bereit sein Rechenschaft abzulegen und mich nicht irgendwie dafür schämen.