Habe auf Hasos Tafel einen echt anregenden Text gelesen. Ich glaube ich muss da echt noch mehr drüber nachdenken..
Ruhe
So wurden Himmel und Erde vollendet und ihr ganzes Gefüge. Am siebten Tag vollendete Gott das Werk, das er geschaffen hatte, und er ruhte am siebten Tag, nachdem er sein ganzes Werk vollbracht hatte. Und Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn für heilig; denn an ihm ruhte Gott, nachdem er das ganze Werk der Schöpfung vollendet hatte. (Genesis 2,1-3)
Sechs Tage lang arbeitete Gott, dann ruhte er. Er war nicht erschöpft; seine Ruhe war kein Ausruhen. Er legte nur das Tun beiseite und “zog sich??? auf das Sein “zurück???. Am siebten Tag “tat??? Gott nichts anderes, als Gott zu sein.
Er widmete der Arbeit mehr Zeit als der Ruhe. Das Ergebnis seiner Arbeit gefiel ihm so, dass er es “sehr gut??? nannte (Genesis 1,31). Die kreative – nicht die entfremdete – Arbeit ist von Gott geadelt. Dennoch erklärte er nicht die Arbeit, sondern die Ruhe für heilig. Die Heiligkeit Gottes – das wahrhaft Göttliche an Gott – beruht nicht auf dem, was er tut, sondern auf dem, wer er ist. Wenn es von Gott heißt: “Was ihm gefällt, das vollbringt er??? (Psalm 115,3), ist das nur eine Aussage über Gott, nicht sein Name. Der Name Gottes – die tiefste und geheimnisvollste Beschreibung seines Wesens, seiner Identität – lautet: “Ich bin, der ich bin??? (Exodus 3,14).
In der Schrift wird Gott makarios genannt (= glückselig; 1. Timotheus 6,15-16). Gott lebt in vollkommener innerer Harmonie, weil er “er selbst??? ist und “sich selbst??? hat. Er genießt mit unendlichem göttlichen “Wohlbehagen???, dass er “bei sich??? – also einfach nur Gott – ist, und dass er “beieinander??? ist – der Vater, der Sohn und der Heilige Geist in der Einheit der Trinität.
An diesem “Genuss??? des Seins will Gott uns Menschen Anteil geben, so wie er den Gläubigen Anteil an seiner Natur gegeben hat. Gott will den Menschen, die ununterbrochen im Tun, im Denken, im Streben, im Haben (und Begehren) und im Ehrgeiz leben, die darum auch ununterbrochen mit Schwachheit, mit Zweifel, mit Entmutigung, mit Unzufriedenheit und mit Minderwertigkeitsgefühlen zu kämpfen haben, diesen Menschen will Gott den Weg zur Ruhe des Seins zeigen.
Es ist also noch eine Ruhe vorhanden für das Volk Gottes. Denn wer zu Gottes Ruhe gekommen ist, der ruht auch von seinen Werken so wie Gott von den seinen. (Hebräer 4,9-10)
Zu dieser Ruhe gelangt man nicht, solange man seiner Seele verhaftet ist. Die Seele lebt im Wollen (das zum Tun drängt), im Denken und im Fühlen – nicht im “Sein???. Die Seele ist ein unruhig Ding. Nach der Arbeit sucht sie nicht die Ruhe, sondern die Freizeit, die sie mit allen möglichen Aktivitäten füllt. Wo ist die Seele, die fähig wäre, alles andere für eine Zeit fahren zu lassen und nur noch zu sein (ohne dabei bald einzuschlafen)? Und wo ist die Seele, der dieses reine Sein ein Hochgenuss wäre?
Die Seele ist zu sehr von dieser Welt, um von sich aus zur Ruhe zu finden. Zur Ruhe findet nur, was aus der Welt der Ruhe, der Welt Gottes, kommt – unser mit göttlichem Leben beschenkter Geist. Die Trichotomie – die Unterscheidung von Seele und Geist – ist kein theologischer Lehrsatz, der zur Disposition stünde. Sie ist eine unbedingte Notwendigkeit. Denn wenn alle anderen Quellen des Glücks in unserem Leben versiegen, wenn alles andere gegen uns steht, gibt es nur zwei Möglichkeiten: entweder wir wissen, wie wir uns in den inneren Zufluchtsort des Geistes zurückziehen, in dem wir selbst dann noch glückselig sein können, oder “unsere Seele ist in den Staub gebeugt??? (Psalm 44,25).
In unserem Geist finden wir (wie Gott) eine Identität, die auf dem beruht, wer wir sind, nicht auf dem, was wir tun, haben oder darstellen. In unserem Geist empfangen wir die Bestätigung Gottes, dass wir “heilig??? sind, selbst wenn nicht alles, was wir tun, schon “sehr gut??? ist. In unserem Geist sind wir so, dass wir uns selbst lieben und genießen können, selbst wenn außen herum noch vieles ist, was uns an uns nicht gefällt. Im Geist sind wir, und im Geist genießen wir das Sein.
Wie Gott werden wir nicht ununterbrochen in dieser Ruhe verharren. Gott hat länger gearbeitet als geruht. Doch was er arbeitete, kam aus der Ruhe. So soll es bei uns auch sein. Gott hat den siebten Tag auch für uns geheiligt. Auch wir sollen Zeiten der Ruhe haben, in denen wir alles andere auf die Seite legen und uns ganz auf das Sein zurückziehen.
In solchen Zeiten der Ruhe sind wir “bei uns???, “bei Gott??? oder “beieinander???. “Bei uns??? zu sein bedeutet, in vertrauter Nähe zu uns selbst zu verweilen, gerne mit uns selbst zusammen zu sein, ohne uns durch irgendeine Beschäftigung abzulenken. “Bei Gott??? zu sein äußert sich vor allem in der Form des Gebets, bei der die Seele “stille zu Gott??? wird (Psalm 62,2). Ohne Worte genießen wir, dass er da ist. (Heute geschieht dieses “bei Gott sein??? oft in der Form des Soaking, das ich sehr empfehle.)
“Beieinander??? zu sein bedeutet, dass Menschen in vertrautem Schweigen nebeneinander sitzen können und für erfüllende Harmonie nicht mehr brauchen als die Anwesenheit des anderen. Solche Beziehungen stehen in einem auffälligen Kontrast zu denen, die wir meist pflegen: entweder ist Schweigen unangenehm und nur die Pause, in der man das nächste Thema sucht, oder es ist Ausdruck innerer Hemmung, durch die man nicht wirklich zueinander findet. In “Beziehungen der Ruhe??? gibt es Zeiten des Schweigens, die gleichzeitig Zeiten größtmöglicher Nähe sind.
Den Weg zur Ruhe kann man nicht beschreiben, wie man den Weg zu einem Ort beschreibt. Niemand kann sagen: “Gehe diesen Weg, und du kommst bei der Ruhe an.??? Fast alles, was zum Leben im Geist gehört, erlangt man nur so: “Suchet, so werdet ihr finden??? (Matthäus 7,7) – wenn man es von ganzem Herzen sucht, d.h. mehr als alles andere. Doch eins wird bei dieser Suche immer nötig sein – der Glaube.
Denn wir, die wir glauben, gehen in die Ruhe ein. (Hebräer 4,3)
Wir müssen glauben, dass wir mehr schaffen, wenn wir weniger tun – denn “seinen Freunden gibt Gott es im Schlaf??? (Psalm 127,2). Wir müssen glauben, dass wir sicher versorgt sind, auch wenn wir nicht ständig sorgen – denn Gott sorgt für uns (1. Petrus 5,7). Wir müssen glauben, dass die Offenbarung, die der Ruhe folgen wird, uns mehr Einsicht vermitteln wird als bloßes Nachdenken und vieles Bücherlesen. Wir müssen glauben, dass in der Welt des Seins – in der Welt des Geistes – größere Genüsse auf uns warten als in der Welt der Dinge, der Bilder und der Gedanken.
Die größte Hürde auf dem Weg zur Ruhe ist die Widerspenstigkeit der Seele. Sie hat sich so an die Welt der Unruhe gewöhnt, dass es ihr wie Sterben vorkommt, wenn sie zum Leben und zur Ruhe geführt werden soll. Doch ohne Sterben gibt es kein Leben. “Wer seine Seele erhalten will, der wird sie verlieren; wer sie aber verliert, der wird sie finden??? (Matthäus 16,25).